Die Schatzkammer öffnet ihre Tore

Der Genius der Historie lebt

(Trier)

 

Eine unbeschreiblich gespannte Neugier atmosphärischer Dichte lag am Freitagabend (14. November) in der Luft des großen Lesesaals der Trierer Stadtbibliothek in der Weberbach. Nach dem feierlichen Eröffnungsakt mit informativen und wertschätzenden Reden, war es soweit: Die nun erweiterte, modernisierte Schatzkammer entriegelt in neuem Glanz ihre Tore für die Öffentlichkeit. Hinter diesen Pforten lebt der Genius der Historie in wohlbehüteten bibliophilen Handschriften, Inkunabeln und weiteren Kostbarkeiten aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit. 50 der insgesamt 100 Heiligtümer werden gebührend präsentiert. Herausragend sind unter anderem die „Coronelli-Globen“, die „Trierer Gutenberg-Bibel“, der „Codex Egberti“, die „Trierer Apokalypse“ und das „Ada-Evangeliar“. Letztere drei zählen zum Weltdokumentenerbe der UNESCO.

Pulsierende Gefühle aus Forschungsdrang, Faszination und höchstem Respekt stellen sich beim Betreten der Schatzkammer ein. Unterhaltungen im Flüsterton bei geheimnisvoll schummrigem Licht. Allein die Vorstellung, dass Mönche und Gelehrte möglicherweise mit Federkiel bei Kerzenschein über das Pergament gebeugt saßen, diese erlesenen Handschriften verfassten und kunstvoll gestalteten, flößt eine gewisse Ehrfurcht ein. Das weiß auch Prof. Dr. Michael Embach, Leiter der Stadtbibliothek und des Stadtarchivs.

Würdiges Forum für jedermann erschaffen

Nach ungefähr zwei Jahren Bauzeit entstand mit der neuen klimatisierten Schatzkammer eine ehrwürdige nicht nur bibliophile Begegnungsstätte, „als ein Spiegelbild der Kunst und Kultur der Trierer Großregion, weit über deren Grenzen hinaus“, begrüßt Oberbürgermeister Klaus Jensen die geladenen Gäste. Die Schatzkammer ist weitaus mehr als eine übergroße bedeutende Schmuckschatulle. „Den interessierten Besuchern dieser Ausstellung fällt es bestimmt schwer, wieder nach Hause zu gehen“, ergänzt Jensen. Auch Dr. Josef Peter Mertes (Vereinsvorsitzender der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Stadtbibliothek Trier) empfindet die Neueröffnung als einen Festtag und merkt voller Begeisterung an, dass „die Menschen woanders Schlange stehen, um diese einzigartigen historischen Schätze zu sehen.“ Ohne die Unterstützung der zahlreichen ehrenamtlichen Helfer sei eine derartige Umsetzung nicht möglich gewesen.

Ein Seminar- und Schulungsraum, Angebote für Kinder und moderne Medientechnik bieten vielfältige Möglichkeiten zur kleinen Zeitreise in die Vergangenheit. Rund 600.000 Euro betrugen die Gesamtkosten, finanziert aus EU-Mitteln. Die finalen Sanierungsarbeiten der Stadtbibliothek laufen noch bis in den Herbst des kommenden Jahres. Für diese werden 1,2 Millionen Euro benötigt, die zur Hälfte von der Stadt und zur anderen Hälfte aus dem Investitionsstock des Landes Rheinland-Pfalz beglichen werden. „Mit dem Verkauf der wertvollen Exponate, wäre der komplette Trierer Haushaltsausgleich geschafft“, scherzt Jensen kurz, „doch nicht zu ersetzen ist der emotionale Wert.“

Nachhaltig, sicher, mondial

Es lag wohl auch an der Säkularisation, dass der Stadtbibliothek die Kostbarkeiten übermittelt wurden und ein wenig am Glück, dass der Bestand bisher von Kriegen und anderen Katastrophen weitestgehend verschont blieb. Um den Wert dieses kulturellen Erbes für die Nachwelt zu erhalten, forscht ebenso Prof. Dr. Claudine Moulin von der Universität Trier mit ihrem Team an der Entschlüsselung und Übersetzung der Texte zur dauerhaften Bereitstellung in öffentlichen digitalen Datenportalen. „Die Schatzkammer öffnet sich“, so Moulin, „doch was nützt es, wenn nichts herausgenommen werden darf.“ Die sinnliche Schönheit und die intellektuelle Gedankenwelt sollen bewahrt bleiben. So sieht Ministerpräsidentin Malu Dreyer auch im rheinland-pfälzischen Landesprogramm „dilibri“ einen sicheren Ort, auf den Interessierte über das Internet jederzeit Zugriff haben.

Reale und digitale Welten in einem Raum

„Wir sind längst in der digitalen Welt angekommen“, sagt Dreyer, „in der Schatzkammer wird die Nutzung neuer Technik mit dem alten Gut verbunden.“ So werden Audio-Führungen per Kopfhörer und Apps für das Smartphone angeboten. Ein imposanter Touchscreen-Tisch zur Erkundung ausgewählter Handschriften befindet sich im angrenzenden Nebenraum. Die enge Zusammenarbeit der Stadtbibliothek mit dem Architekturbüro aus der Nachbarschaft, Weltzel und Hardt, und dem Trierer Unternehmen „audiobits“ war ein wegweisender Erfolg.

Schätze als Prolog der vergangenen Zeit

Michael Embach verzichtet an diesem besonderen Abend auf große Reden und lädt kurzum zu einer kleinen persönlich kommentierten Führung durch die Schatzkammer ein. Seine Augen leuchten. Die bisher untersuchten Schätze erscheinen als ein Prolog der vergangenen Zeiten. Die Forschungsarbeiten und Recherchen sind noch lange nicht abgeschlossen.

Einzelheiten zu den ausgestellten Werken und die Öffnungszeiten der Schatzkammer sind unter www.stadtbibliothek-weberbach.de zu finden. [RP]

 

Fotos: BK

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