Josef Kling – Die Kunst spielt die erste Geige

Josef Kling

Die Kunst spielt die erste Geige

(Trier)

 

In Josef Klings Atelier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Ein Trugschluss. Der Geigenbau ist zwar eine alte Kunst, doch erfüllt diese Tradition höchste individuelle Ansprüche, auch in der heutigen Zeit. Musik liegt in Luft – noch unfertige Geigen und Bratschen hängen von der Decke wie schwebende Partituren, die nur darauf warten, beflügeln zu können. Ein Cello liegt zur Restauration auf der Werkbank, umgeben von einer Note Nostalgie. In diesen Räumen erhält Akkordarbeit eine völlig andere Bedeutung.

In Triers Innenstadt wirkt es geradezu unscheinbar, das kleine Atelier für Geigenbau und deren Reparaturen, An- und Verkauf. Dabei wurde die italienische Geigenbaukunst von Cremona vor rund zwei Jahren in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Eine unaufdringliche Kunst.

Nach alter Väter Sitte

In einer schnelllebigen Zeit ist es schwierig, dem eigenen Rhythmus treu zu bleiben. Schon nach Betreten der Werkstätte ticken die Uhren in einem behäbigerem Takt. Im Regal verblasst eine zweckentfremdete „Caro-Kaffeedose“ aus den 60ern mit geheimnisvollem Inhalt, auf dem Tisch Spezialöle mit dem Aufdruck „Made in Western-Germany“. Ein dezentes Duftmedley aus Holz, Lack, Harz und frisch gehobelten Spänen verströmt eine beruhigende Wirkung. Es riecht nach Tradition. Bereits in der dritten Generation führt Josef Kling das Geschäft. „Meine Söhne Albert (29) und Hermann (24) möchten das kleine Familienunternehmen bald in die vierte Generation führen“, sagt Kling zufrieden, „die Liebe und Leidenschaft zu dieser Kunst liegt offenbar in der Familie.“

Die etwas andere Instrumentalisierung

Häufig haben die Dinge zwei Seiten. Bei Josef Kling besitzen sie mindestens vier Saiten und stecken voller Spannung. Detailverliebt schnitzt der 59-Jährige die kleine Herzverzierung in den Geigensteg. Holzspäne von Ahorn fallen auf seine dunkelblaue Schürze. Er beginnt damit, dem Instrument eine Seele zu verleihen. Seine Handschrift. Auch in der Farbe des Lacks folgt der gebürtige Südbadener seinen Vorlieben, „Bevorzugt wähle ich eine helle Lackierung für ein sonniges Farbklanggefühl beim Spielen.“ Die F-Löcher der fichtenhölzernen Decke sorgen für Flexibilität und die raffiniert gestaltete Schnecke für den Schwung am Ende des Halses. Etwas ganz Besonderes entsteht.

Geformte Sinnlichkeit

Ganz besonders ist auch die kennzeichnende Form des Korpus der Streichinstrumente. „Bei einem Cello ist es unübersehbar auffallend“, erzählt Kling und lächelt dabei verschmitzt, „es gleicht den sinnlichen Formen eines wohlproportionierten Frauenkörpers.“ Im Verkaufsraum stehen diese Klangwunder aneinandergereiht in verschiedenen Nuancen. Im hinteren Arbeitsraum liegt etwas verborgen unter Werkzeugen und bearbeiteten Geigenteilen ein Ringblock mit der Aufschrift „I Segreti Di Stradivari“ (Die Geheimnisse Stradivaris). Eine Schrift vom großen Meister allein reicht als Anleitung nicht aus. Josef Kling studierte die Geige und spielt sie beständig mit einer hingebungsvollen Passion. Auch diese Kombination reicht zur erfolgreichen Geigenbaukunst nicht aus. Das Geheimnis dahinter ist das persönlich eingebrachte Stück Emotion in den Entstehungsprozess. Ohne den Bogen zu überspannen.

Josef Klings Atelier in der Antoniusstraße Nummer 5 beherbergt viel Liebe zur Geigenbaukunst; eine Homepage befindet sich derweil im Aufbau. [RP]

 

Fotos: BK

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